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Radio Block Centre
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Das Radio Block Centre (RBC, deutsch ETCS-Streckenzentrale) ist eine wesentliche Komponente des European Train Control System (ETCS) in den Leveln 2 und 3. Seine Aufgabe ist das FĂźhren und die Ăberwachung der ZĂźge in seinem Bereich. Die dafĂźr notwendigen Informationen erhält sie vom Stellwerk und vom Zug (Ăźber Position Reports) und erzeugt damit ETCS-Fahrterlaubnisse, die sie per Funk (i. d. R. GSM-R) an den Zug sendet.
Contents
⢠Hardware
⢠Funktionen
⢠Testen
⢠Sicherheit
⢠Sonstiges
⢠Literatur
⢠Einzelnachweise
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Hardware
Die ETCS-Streckenzentralen der verschiedenen Hersteller sind unterschiedlich aufgebaut, basieren aber auf demselben Grundkonzept. Ein âsicherer Rechnerâ fĂźhrt alle sicherheitsrelevanten Funktionen aus. Er ist mit weiteren Rechnern Ăźber ein lokales Netzwerk verbunden. Diese dienen der Bedienung der ETCS-Streckenzentrale, als Protokollkonverter und der Speicherung von Diagnoseinformationen und juristischen relevanten Daten (Blackbox). Am Beispiel des RBC der Firma Thales ist dieser Aufbau zu erkennen:
⢠Der RBC Core ist der sichere Rechner (2v3-Rechner) (zukßnftig 2x2v2-Rechnercite-ref-ei-2022-11-40-3-0[3]) fßr die Funktionen der ETCS-Streckenzentrale.
⢠Die Protocol Conversion Unit ist ein sicherer Rechner (2v3-Rechner) zur Konvertierung des Stellwerksprotokolls in das RBC-interne Protokoll.
⢠Die Operation and Maintenance Server (1v2-Rechner) sammelt Diagnosedaten und verteilt diese an angeschlossene Bedienplätze. Er sichert auch juristisch relevante Daten.
⢠Redundante LAN-Switches fßr die RBC-interne Kommunikation.
⢠Die Radio Communication System Server ist die Schnittstelle zum GSM-R-Netz.
⢠Das Patch Panel ist die physikalische Ăbergabeschnittstelle zu externen Systemen.
Des Weiteren sind in einem Schaltschrank mehrere LĂźfter und ein Cabinet Supervision Modul zur Ăberwachung des Schaltschrankes vorhanden. Die gesamte Leistungsaufnahme beträgt ca. 1000 Watt.
Die Kosten der Hardware eines RBC, einschlieĂlich Schulungsfunktionen, wurden in einer VerĂśffentlichung mit etwa einer halben Million Euro angegeben.cite-ref-ted-2022-021-052166-4-0[4] In einer Untersuchung von 2021 rechnete die Deutsche Bahn mit Kosten von einer Million Euro, zuzĂźglich diverser Aufwendungen wie Projektierung, Netzwerk und zusätzlichem Platzbedarf.cite-ref-db-2021-09-09-5-0[5]
Funktionen
Gängige Funktionen von ETCS-Streckenzentralen, die in vielen Ländern ähnlich umgesetzt werden, sind beispielsweise:
⢠Erzeugung von Fahrterlaubnissen
⢠Aufnahme eines Zuges innerhalb eines ETCS-Streckenzentralenbereichs
⢠Aufnahme eines Zuges, bei der Einfahrt in Bereich der ETCS-Streckenzentrale
⢠Ăbergabe eines Zuges an eine Nachbarzentrale
⢠Ausfahrt eines Zuges aus dem Streckenzentralenbereich
⢠Fahren in verschiedenen ETCS-Modi, beispielsweise Full Supervision (FS), On Sight (OS), Staff Responsible (SR), Shunting (SH) oder Reversing (RV)
⢠Bereitstellung von Verkettungsinformationen
⢠Wechsel zwischen unterschiedlichen ETCS-Modi.
⢠Ankßndigen eines Funklochs (Radio Hole)
⢠Auswerten von potentiell gefährlichen Situationen und Kommandieren von Nothalten
⢠Erstzuweisung eines Fahrwegs zu einem Zug
⢠Verfolgen des Zuges
⢠Erfassung von Diagnoseinformationen (z. B. Hinweise auf fehlende Balisen von den Zßgen)
⢠Einrichten von temporären Langsamfahrstellen
⢠Zßge stärken und schwächen (Joining and Splitting)
⢠Senden der nationalen Werte zum Zug
⢠Ăberwachung der Funkverbindung
⢠Festlegen der Sicherheitsreaktionen bei bestimmten Fehlsituationen auf dem Zug
Die von einer ETCS-Streckenzentrale beherrschten Funktionen richten sich neben der europäischen ETCS-Spezifikation maĂgeblich nach den Anforderungen des Betreibers. So ist die Art der Implementierung stark von den betrieblichen Anforderungen geprägt. Beispielsweise ist der ETCS-Mode âReversingâ bislang nur in der Schweiz umgesetzt, die in anderen Ländern verwendete RBC-Software verwendet diese Funktion nicht. Neben den oben aufgefĂźhrten Funktionen werden noch viele weitere Funktionen verwendet, die ein entsprechend dem Betreiberlastenheft gewĂźnschten Betrieb ermĂśglichen.
Schnittstellen und Normierung
Funktionen, Bedienoberflächen und Systemarchitektur der ETCS-Zentralen sind nicht vereinheitlicht und unterliegen einer Vielzahl von nationalen Besonderheiten. So wurde die Bedienung bei manchen Bahnen vollständig in vorhandene Stellwerksoberflächen integriert, während andere vollständig getrennte Bedienoberflächen verwenden und bestimmte RBC-Informationen (z. B. Position und Geschwindigkeit von Zßgen) ausblenden. Auch die Schnittstellen zwischen Stellwerken und ETCS-Zentralen sind landesspezifisch.cite-ref-wolter-demnitz-2015-09-25-6-0[6]
Während sowohl die Funkschnittstelle zu den Zßgen als auch die Schnittstelle zwischen zwei benachbarten Streckenzentralen ßber die ETCS-Spezifikation festgelegt sind, kÜnnen sich die Schnittstelle zu den Stellwerken und zum Bediener der Streckenzentrale je nach Hersteller und Land unterscheiden.
⢠RBC-OBU (On-Board-Unit bzw. Fahrzeug)
⢠Subset-26 Kapitel 7 âSystem Requirements Specification ERTMS/ETCS languageâ,
⢠Subset-26 Kapitel 8 âSystem Requirements Specification Messagesâ,
⢠Subset-37 âEuroradioâ
⢠RBC-RBC
⢠Subset-039 âFIS for the RBC/RBC handoverâ,
⢠Subset-098 âRBC-RBC SAFE Communication Interfaceâ
⢠RBC-Stellwerk (national)
⢠RBC-Bediener (national)
⢠Deutschland: SBS (Standard-Bedienschnittstelle)
Die Funktion der ETCS-Streckenzentralen selbst ist europäisch nicht detailliert spezifiziert. Es sind zwar verschiedene Konzepte, Betriebsmodi und Szenarien definiert (Subset-026) jedoch keine Details, wann welcher ETCS-Mode angewendet werden soll oder wie bestimmte Betriebsszenarien umgesetzt werden. Daher muss jeder Streckenbetreiber die betrieblichen Abläufe unter ETCS-Fßhrung definieren und diese betrieblichen Abläufe in betrieblich-technische Anforderungen an die Streckenzentralen umsetzen. Diese liegen meist in Form von betrieblich-technischen Lastenheften vor, auf deren Basis die Hersteller ihre technische Anforderungsspezifikation erstellen, die sie technisch realisieren. Aus diesem Grund gibt es keine einheitliche Funktion von ETCS-Streckenzentralen, sondern diese unterscheiden sich von Betreiber zu Betreiber und teilweise auch von Strecke zu Strecke.
ETCS-Streckenzentralen werden Ăźblicherweise an elektronische Stellwerke angeschlossen. Es besteht jedoch die MĂśglichkeit, diese an jede StellwerkÂsbauart anzuschlieĂen, welche die fĂźr die Fahrterlaubnisgenerierung erforderliche Information bereitstellt. Im Wesentlichen sind dies Signalbegriffe und Weichenlagen. FĂźr Relaisstellwerke existieren Protokollkonverter, welche die Informationen Ăźber freie Kontakte an den Relaisgestellen abgreifen und diese in fĂźr die ETCS-Streckenzentrale verständliche Telegramme wandeln. FĂźr mechanische und elektromechanische Stellwerke sind derzeit keine Protokollkonverter bekannt, theoretisch aber mĂśglich. Da bei diesen Stellwerksbauformen auch Blockeinrichtungen vorhanden sein kĂśnnen, die die Signalinformation nicht an einem zentralen Punkt zur VerfĂźgung stellen, ist der Aufwand, diese Informationen bereitzustellen, erheblich. Daher wird man bei mechanischen und elektromechanischen Stellwerken bei einer ETCS-ErtĂźchtigung der Strecke wahrscheinlich ETCS Level 1 einrichten, da dies der technisch einfachere und gĂźnstigere Weg ist.
Die Bedienung einer ETCS-Streckenzentrale umfasst im Wesentlichen zwei Teile, die Bedienung der Streckenzentrale durch den zuständigen Fahrdienstleiter (Fdl) und den Wartungszugang. Der Wartungszugang ermĂśglicht das Abrufen und Sichern von StĂśrungsmeldungen und Logfiles, das Aufspielen und Aktualisieren von Software sowie Konfigurationen und das Neustarten der Streckenzentrale. Die Bedienung durch den Fahrdienstleiter dient im Wesentlichen dazu, temporäre Daten in die Streckenzentrale einzugeben, abzufragen oder zu aktivieren. Dies beinhaltet Langsamfahrstellen (auch zugkategoriebezogen), temporäre ETCS-Ausstiege, Nothalte und Textnachrichten an die TriebfahrzeugfĂźhrer. Die Bedienoberflächen erlauben auch das Verfolgen von ZĂźgen. Die Aktualisierungsraten sind dabei hĂśher als bei den Stellwerksbedienoberflächen, die ihre Informationen nur Ăźber die Gleisbelegungsmeldungen erhalten. Die Bedienkonzepte fĂźr die Streckenzentralen sind je nach Land stark unterschiedlich. In einigen Ländern darf der Fahrdienstleiter keine Bedienungen an der ETCS-Streckenzentrale durchfĂźhren, in den meisten Ländern ist die Funktion eingeschränkt (z. B. darf ein Fahrdienstleiter eine Streckenzentrale nicht neu starten). In vielen Ländern ist fĂźr eine ETCS-Streckenzentrale ein bestimmter Fahrdienstleiter zuständig es gibt jedoch auch die MĂśglichkeit, dass mehrere Fahrdienstleiter ein Streckenzentrale bedienen und jeder fĂźr seinen Bereich zuständig ist. Hierbei gibt es Ăberlappungsbereiche an den Grenzen der Stellbezirke, die in Kooperation zwischen den Fahrdienstleitern bearbeitet werden mĂźssen.
Planung und Projektierung
Neben den grundlegenden betrieblich-technischen Lastenheften der einzelnen Betreiber und den vorzusehenden Schnittstellen wird fßr jede ETCS-Streckenzentrale ein individuelles Abbild der Infrastruktur in seinem Bereich erstellt. Dazu zählen Signal-, Weichen-, Balisenstandorte, Geschwindigkeiten und HÜhenverläufe (Gradienten), aber auch besondere Infrastrukturbereiche (Track Conditions, z. B. Oberstrombegrenzungen, Bahnsteige oder bekannte FunklÜcher).
Der Betreiber ßbergibt diese Informationen als Planteil 1 dem Hersteller in Form von Plänen und Tabellen. Darauf aufbauend erstellt der Hersteller der Streckenzentrale eine auf die jeweilige Infrastruktur und herstellerspezifische Besonderheiten zugeschnittene Projektierung (Planteil 2). Diese RBC-spezifische Projektierung wird zusammen mit der generischen Anwendungssoftware auf den Rechnern der Streckenzentrale installiert. Das Format und die Datenstrukturen einer Projektierung sind europäisch nicht genormt und daher je nach Hersteller unterschiedlich.
Daneben kĂśnnen kurzzeitige Infrastruktureinschränkungen, wie Geschwindigkeitseinschränkungen, BaumaĂnahmen, temporäre ETCS-Ausstiege, FunklĂścher, Benachrichtigungen an den LokfĂźhrer, hinterlegt werden. Wie auch bei der festen Projektierung ist sicherzustellen, dass bei einem Neustart der Streckenzentrale diese Einschränkungen bis zum definierten Ende ihrer GĂźltigkeit bzw. der aktiven Aufhebung durch den Bediener aktiv bleiben.
Testen
ETCS-Level-2/3-Systeme sind hoch komplexe Systeme, deren korrekte Funktion nur durch entsprechende Analysen und Tests nachgewiesen werden kann. Die Normen EN 50128 fĂźr Software und EN 50129 fĂźr Hardware und Systeme bilden hierfĂźr die Grundlagen. Die ETCS-Streckenzentralen werden nach diesen Normen entwickelt und getestet. Zusätzlich mĂźssen fĂźr die EG-Konformitätsbescheinigung einer ETCS-Streckenzentrale auch die Testfälle, welche in Subsetâ76 definiert sind, erfolgreich ausgefĂźhrt worden sein. Das Subset-076 ist jedoch stark fahrzeuglastig, so dass auch bei AusfĂźhrung des Subsets-76 die streckenseitige Funktion nicht vollständig getestet ist. Die Hersteller der Streckenzentralen versuchen dieses durch eigene Testfälle auszugleichen. Hierbei kommt es zu unterschiedlichen Auslegungen der ETCS-Spezifikation, so dass jeder Hersteller etwas unterschiedliche Testfälle implementiert und dementsprechend die Streckenzentralen unterschiedliches Systemverhalten aufzeigen. Wird ein solches unterschiedliches Verhalten bekannt, so wird innerhalb von UNISIG dieser Sachverhalt geklärt und Ăźber einen CR (Change Request) die Spezifikation angepasst bzw. präzisiert.
Nachdem die Komponenten eine Konformitätsbescheinigung/-erklärung haben, kĂśnnen sie innerhalb der EU in Verkehr gebracht werden. In der Regel werden zunächst Prototypen (Erstanwendungen) aufgebaut und es werden Integrationstests durchgefĂźhrt, um eine ETCS-Streckenzentrale in Betrieb zu nehmen. Hierbei wird zunächst die Zentrale vor Ort aufgebaut und an die Energieversorgung bzw. unterbrechungsfreie Stromversorgung angeschlossen. Parallel dazu werden die Balisen auf der Strecke eingebaut. Der nächste Schritt ist die Verbindung mit den Stellwerken. Hierbei werden die TelegrammĂźbertragung und die korrekte Konfiguration der Ăźbertragenen Elemente zwischen Stellwerken und Streckenzentrale (Signale, Weichen, Geleisbelegung, FahrstraĂen usw.) geprĂźft. Der nächste Schritt ist der Anschluss der ETCS-Streckenzentrale an das GSM-Netz. Danach werden TestschlĂźssel fĂźr Testfahrzeuge in der Streckenzentrale hinterlegt, mit dem die ersten Testfahrten auf der Strecke durchgefĂźhrt werden kĂśnnen. Bei einer Erstanwendung wird eine Systemvalidation in Zusammenarbeit mit dem Betreiber durchgefĂźhrt. Nach erfolgreicher Abnahme der Strecke bzw. bei einer Erstanwendung erfolgreicher Systemvalidation, werden die SchlĂźssel fĂźr die ETCS-Fahrzeuge hinterlegt und die Strecke fĂźr den ETCS-Betrieb freigegeben. DafĂźr wird eine EG-PrĂźferklärung durch eine Benannte Stelle ausgestellt und durch die nationale ZulassungsbehĂśrde eine Inbetriebnahme-Genehmigung erteilt.
Sicherheit
ETCS-Streckenzentralen mßssen ein sehr hohes Sicherheitsniveau gewährleisten. Das einzuhaltende Sicherheitsziel fßr die Fahrweg- und Geschwindigkeitsßberwachung von ETCS ist in der TSI festgelegt:
âFor the hazard âexceeding speed and/or distance limits advised to ETCSâ the tolerable rate (THR) is 10â9hâ1 for random failures, for on-board ETCS and for trackside ETCS.â (Zufällige Fehler, die eine Ăberschreitung von zulässigen Geschwindigkeiten und Längen zur Folge haben, dĂźrfen in ETCS strecken- und fahrzeugseitig nicht häufiger als einmal je einer Milliarde Stunden auftreten.)
In Subset-91 ist dieser Zielwert weiter heruntergebrochen:
âThe hazard rate for the ETCS trackside system, less those parts forming part of the transmission system, shall be shown not to exceed THRTrackside=0.67*10â9 dangerous failures/hourâ (Gefährliche Fehler des streckenseitigen ETCS-Systems, ohne BerĂźcksichtigung des Ăbertragungssystems, dĂźrfen nicht häufiger als einmal je 1,5 Milliarden Stunden auftreten.)
FĂźr die FunkĂźbertragung der Fahrbefehle zum Zug gilt folgendes Sicherheitsziel:
âCorruption of radio message: The requirement for the non-trusted part of TR-EUR-H4 is that the non-trusted ETCS trackside radio transmission equipment shall respect the definition of non-trusted given in paragraph 5.1.1.6 and the THR of 1.0 *10â11 Dangerous failures per hourâ (Gefährliche Fehler im Ăbertragungssystem dĂźrfen nicht häufiger als einmal je 100 Milliarden Stunden auftreten.)
Die Sicherheitsziele gelten fĂźr die im Subset-91 angenommene Referenzinfrastruktur und Betriebsparameter. Wird von dieser abgewichen, so mĂźssen die Sicherheitsziele entsprechend angepasst werden. Mit diesen Vorgaben liegt das Sicherheitsziel fĂźr eine ETCS-Streckenzentrale oberhalb des SIL-4-Niveaus der EN 50129.
Beispiel fßr betriebliche Abläufe in einer ETCS-Streckenzentrale
Ein Zug nähert sich der Grenze zu einem ETCS-Bereich. Er fährt Ăźber eine âSession balise groupâ. Von der Balisengruppe erhält das ETCS-Fahrzeuggerät die Rufnummer der Streckenzentrale, die ID des Streckenzentrale und ID der Ăźberfahrenen Balise. Es baut daraufhin eine Verbindung zur Streckenzentrale auf und meldet sich mit seiner OBU_ID an. Die Streckenzentrale empfängt vom fĂźhrenden Fahrzeug die Zugdaten und seine Position in Referenz zur letzten Ăźberfahrenen Balisengruppe (Position Report, ETCS-Odometrie). Das Fahrzeuggerät erhält die nationalen Werte (Ăźber Balisen und/oder per Funk). Das Fahrzeuggerät meldet regelmäĂig seine Position an die Streckenzentrale. Wenn sich das Fahrzeug der Grenze zum Bereich der Streckenzentrale nähert, sendet sie dem Fahrzeug die Streckenbeschreibung (Track Description) und eine ETCS-Fahrterlaubnis (Movement-Authority). Die Streckenzentrale kĂźndigt dem Zug die Level-Transition an der Grenze an. An der Grenze wechselt der Zug dann nach ETCS Level 2/3. (Dies kann auch durch eine Level-Tranistion-Balise-Group initiiert werden.) Das ETCS-Fahrzeuggerät schaltet bei der Einfahrt die FĂźhrerstandanzeigen nach ETCS und der TriebfahrzeugfĂźhrer bekommt die FĂźhrungsgrĂśĂen der FĂźhrerraumsignalisierung aufgeblendet. Immer, wenn der Zug sich dem Ende seiner Movement-Authority nähert, sendet das aktive ETCS-Fahrzeuggerät in einem zeitlichen Abstand vor dem Bremseinsatz eine Fahrterlaubnisanfrage (MA Request) an die Streckenzentrale. Sie ermittelt anhand der von den Stellwerken erhaltenen FahrstraĂeninformationen oder Weichen- und Signalinformationen den Fahrweg vor dem Zug. Ist die erforderliche FahrstraĂe eingestellt und festgelegt, so Ăźbermittelt die Zentrale dem Zug die Track Description und eine ETCS-Fahrterlaubnis. Ist die FahrstraĂe vollständig gesichert, wird eine Fahrterlaubnis fĂźr den Modus Full Supervision (FS) erteilt. Liegen dem Stellwerk oder der Streckenzentrale keine vollständigen oder gĂźltigen Informationen Ăźber das Freisein des zu befahrenden Streckenabschnitts vor, so kann die Streckenzentrale einen Auftrag zum Fahren auf Sicht (On Sight-MA, OS-MA) erteilen. Sollte der Streckenzentrale keine gĂźltigen oder aktuellen Daten Ăźber die Zugposition vorliegen, so kann sie TriebfahrzeugfĂźhrerverantwortung (Staff Responsible, SR) kommandieren. Dies setzt sich weiter fort, bis das Ende des Bereichs der Streckenzentrale erreicht wird. Dort erhält der Zug von der Zentrale eine Level-Transition Order zum jeweiligen Level nach der Streckenzentralengrenze. Die ETCS-Fahrterlaubnis deckt den Bereich des Wechsels noch ab. Alternativ erteilt die Streckenzentrale eine Fahrterlaubnis mit âLimit of Authorityâ (LoA), welches den Zug am Ende diese Fahrterlaubnis mit einer Geschwindigkeit > 0 entlässt.
Leistungsfähigkeit
Die Leistungsfähigkeit einer ETCS-Streckenzentrale hängt im Wesentlichen von ihrer Rechenleistung und der DatenĂźbertragungsrate der Netzwerke ab. Heutige Streckenzentralen kĂśnnen ca. zehn Stellwerksschnittstellen verwalten und damit 120 ZĂźge fĂźhren. Die Stellwerke werden in der Regel Ăźber ein IP-Netzwerk mit der Streckenzentrale verbunden. Die verfĂźgbare Bandbreite ist hier relativ hoch, so dass die Grenze durch die Rechenleistung der Streckenzentrale gesetzt wird. Die Grenze ist dadurch definiert, dass die Streckenzentrale auf Ănderungen der Stellwerkselemente (Weichen und Signale) innerhalb einer bestimmten Zeit reagieren muss (Echtzeitanforderung). Andererseits ist die verfĂźgbare Rechenleistung derart angestiegen, dass im Sinne eines Regelkreises auch die Meldezeiten von den Sensoren an der Strecke Ăźber die Stellwerke zur Zentrale eine Rolle spielen.
Die andere Grenze setzt die DatenĂźbertragung des Netzwerks zwischen Streckenzentrale und Zug. Die ETCS-Streckenzentrale wird dabei mit dem GSM-R-Netz Ăźber S2M-Schnittstellen verbunden. Jede dieser Schnittstellen stellt 30 unabhängige Ăbertragungskanäle zur VerfĂźgung, wobei jeder Kanal einer Festverbindung des Funknetzes (CSD) zu jeweils einem Fahrzeug entspricht. Daher wird die Leistungsfähigkeit einer ETCS-Streckenzentrale oft in 30er-Schritten angegeben. Aus VerfĂźgbarkeitsgrĂźnden wird in der Regel immer eine S2M-Schnittstelle mehr verwendet, als fĂźr die maximale Zuganzahl nĂśtig wäre, so dass es bei einem Ausfall einer Leitung zu keiner Beeinträchtigung des Zugverkehrs kommt. Ein ETCS-Fahrzeuggerät ist in der Regel Ăźber Sende-Empfangs-Einheiten (EDOR) fĂźr GSM-R angebunden.
Vereinzelt kommt bereits im Funknetz paketvermittelte Datenßbertragung mittels GPRS zum Einsatz, welches mit GSM-R Baseline 1 standardisiert wurde. Damit kÜnnen je GSM-R-Kanal mehr Zßge gefßhrt werden. Mit dieser Erweiterung kann auch die ETCS-Streckenzentrale mit IP-Netzwerk an das GSM-R-Netz angekoppelt werden, wodurch eine Leistungssteigerung und Vereinfachung der Netzwerktechnik verbunden ist. Abweichend von der ETCS-Spezifikation sind grundsätzlich auch andere Trägersysteme (z. B. TETRA, LTE) mÜglich.
ETCS-Zentralen im Bereich der Deutschen Bahn mĂźssen mindestens 60 ETCS-gefĂźhrte ZĂźge gleichzeitig verwalten bzw. fĂźhren kĂśnnen.cite-ref-ei-2022-11-40-3-1[3] Die Verarbeitungszeit der ETCS-Streckenzentrale zur Erzeugung einer Fahrterlaubnis liegt in der GrĂśĂenordnung von 0,5 bis 2,5 Sekunden.cite-ref-abschlussbericht-2019-01-30-7-0[7]
Weiterentwicklungen
Es gibt heute schon funktionierende und in Betrieb befindliche ETCS-Anlagen. Diese zeigen die Leistungsfähigkeit des Systems, jedoch sind die MĂśglichkeiten, die dieses System bietet, noch nicht vollständig ausgeschĂśpft. Durch eine zielgerichtete Weiterentwicklung des Systems kann die Leistungsfähigkeit noch gesteigert werden. Einige Ansätze hierfĂźr gibt es schon. Zum Beispiel die strikte Aufhebung der Funktion Fahrwegsicherung im Stellwerk von der Zugsicherungsfunktion in der Streckenzentrale. So kann diese Flankenschutz geben, wenn sie sicherstellen kann, dass ZĂźge in Flankenschutzräumen keine ETCS-Fahrterlaubnisse erhalten. Eine weitere Funktion ist das schnellere AuflĂśsen von FahrstraĂen mit Hilfe der Streckenzentrale. Der Durchrutschteil einer EinfahrstraĂe kann aufgelĂśst werden, wenn der Zug zum Stillstand gekommen ist. Bisher werden derartige Durchrutschwege zeitverzĂśgert aufgelĂśst. ZukĂźnftig kann die ETCS-Streckenzentrale den Stillstand des Zuges an das Stellwerk melden. Diese Funktionen sind schon heute mit den europäischen Spezifikationen mĂśglich. Weitere Funktionen benĂśtigen die Erweiterung der Europäischen Spezifikationen. Derzeit wird ETCS als reines Sicherungssystem verwendet, welches die maximal zulässige Geschwindigkeit der ZĂźge Ăźberwacht. ZukĂźnftig kĂśnnte es beispielsweise auch Vorgaben fĂźr eine optimale Geschwindigkeit geben, so dass ZĂźge nicht mehr auf langsamere ZĂźge auffahren oder vor Einfahrsignalen von BahnhĂśfen warten mĂźssen, wenn die Bahnhofsgleise noch besetzt sind. Erste Ansätze hierzu gibt es schon, jedoch werden hierzu Textnachrichten an die TriebfahrzeugfĂźhrer gesendet, was weniger effizient ist als die Integration in eine automatische Fahr- und Bremssteuerung.
Auch die Fahrdienstleiter kĂśnnen zukĂźnftig durch ETCS unterstĂźtzt werden. Da die Streckenzentralen die Zugpositionen regelmäĂig von den ZĂźgen erhalten, kĂśnnen diese sehr präzise angezeigt werden. Hierdurch kĂśnnen Fahrdienstleiter schnell erkennen, wenn ein Zug auĂerplanmäĂig zum Stillstand kommt oder mit zu geringer Geschwindigkeit unterwegs ist. Dies gibt ihnen die MĂśglichkeit, schneller auf Abweichungen im Betrieb zu reagieren.
Fehler und betriebliche Auffälligkeiten
fehler
⢠Am 16. September 2002 kam es aufgrund eines Fehlers in einem der beiden Kommunikationsrechner einer ETCS-Streckenzentrale auf der ETCS-Versuchsstrecke ZofingenâSempach zu einer Sicherheitsabschaltung dieser Zentrale. Die Beseitigung der StĂśrung nahm 128 Minuten in Anspruch, zwĂślf ZĂźge erhielten Verspätungen. Die Ursache lag in der Schnittstelle zwischen Streckenzentrale und Stellwerksinterface.cite-ref-ser-2002-499-8-0[8] Insgesamt erwies sich die Streckenzentrale in den ersten Betriebswochen auf der Pilotstrecke als stabil, zahlreiche ETCS-StĂśrungen hatten weitgehend andere Ursachen.cite-ref-eri-2002-276-9-0[9]
⢠Am 16. Oktober 2007, während der Erprobungsphase des LĂśtschberg-Basistunnels âverlorâ eine Streckenzentrale vor dem Tunnel den Nothaltauftrag fĂźr einen Zug während dessen Levelwechsel von Level 0 nach Level 2 und erteilte stattdessen eine Fahrterlaubnis. Infolgedessen fuhr der Zug letztlich eine Weiche mit beweglicher HerzstĂźckspitze am Nordportal des Tunnels auf. Es entstand ein Sachschaden von rund einer halben Million Schweizer Franken. Als Ursache wurde ein Softwarefehler erkannt, der zum Verlust eines Nothaltauftrages während des zwei bis drei Sekunden dauernden Anmeldevorgangs gefĂźhrt hatte.cite-ref-eri-2007-584-10-0[10] Der Fehler war Anfang 2008 behoben.cite-ref-eri-2008-22-11-0[11]
⢠Am 25. Januar 2016 fßhrte ein Stromausfall im Bahntechnikgebäude Bodio des Gotthard-Basistunnels zum Ausfall der vier ETCS-Streckenzentralen; beim Hochfahren fielen Sicherungen aus. Die damit verlorenen Standortdaten der Zßge mussten entweder manuell erhoben oder die Strecke mit 30 km/h auf Sicht freigefahren werden.cite-ref-eri-2016-131-12-0[12]
⢠Nach einem routinemäĂigen Neustart einer ETCS-Streckenzentrale auf der Cambrian Line Ăźbermittelte das System seit längerer Zeit bestehende Langsamfahrstellen nicht mehr an die Fahrzeuge. FĂźr den Fahrdienstleiter war der Fehler nicht erkennbar.cite-ref-mr-2018-04-15-13-0[13] Infolgedessen wurde eine Langsamfahrstelle vor einem BahnĂźbergang nicht Ăźbermittelt, die notwendige Annäherungszeit unterschritten. Wie sich zeigte, entsprachen die dem Fahrdienstleiter angezeigten Langsamfahrstellen nicht den in der Streckenzentrale hinterlegten. DafĂźr fehlte ein klar definierter Mechanismus, die zu Grunde liegende Softwaredesigndokumentation wies Mängel auf.cite-ref-raib-2019-12-19-14-0[14]
⢠Am 6. März 2018 fiel die ETCS-Streckenzentrale der Neubaustrecke MattstettenâRothrist aus. FĂźnf auf der Strecke befindliche ZĂźge erhielten Verspätungen von bis zu 110 Minuten. Als Ursache wurde eine langsame Fahrt beim Levelwechsel am Streckenanfang festgestellt, die zu einer Notabschaltung fĂźhrte. Zur Kompensation wurde in allen fĂźnf LevelĂźbergangsbereichen eine zusätzliche Balisengruppe eingebaut.cite-ref-ser-2018-170-15-0[15]
⢠Bei Testfahrten im Rahmen der ETCS-EinfĂźhrung in Dänemark fuhren am 16. Mai 2018 zwischen Kvissel und Sindal zwei ZĂźge auf offener Strecke aufeinander zu und kamen mit 177 m Abstand voneinander durch eine Bremsung der beteiligten LokfĂźhrer zum Stillstand. Der Infrastrukturbetreiber Banedanmark bezeichnete den Vorfall als nicht sicherheitsrelevant â ETCS habe korrekt funktioniert und eine Kollision verhindert.cite-ref-eri-2018-532-16-0[16]
⢠Am 18. September 2018 kam es zu einer Sicherheitsabschaltung der ETCS-Streckenzentrale der Neubaustrecke MattstettenâRothrist, nachdem ein LĂśsch- und Rettungszug auf der RĂźckfahrt von einem Einsatz ohne ETCS-Fahrzeuggerät an der Spitze fuhr und die von der Lokomotive am Zugschluss gemeldete Position nicht mit den Daten der Gleisfreimeldeanlage (Achszählabschnitt) Ăźbereinstimmte. Infolgedessen kam es zu einer Dateninkonsistenz, die zu einer Sicherheitsabschaltung fĂźhrte. Nach dem Tausch dreier Sicherheitskarten wurde die Streckenzentrale nach zwei Stunden und 13 Minuten wieder hochgefahren. Es wurde eine Anweisung erlassen, solche Einsätze zu unterbinden.cite-ref-ser-2018-614-17-0[17]
⢠Im Zusammenspiel von Fahrzeugodometrie und ETCS-Streckenzentrale wurde im Jahr 2019 in der Schweiz zwei Zßgen irrtßmlicherweise eine fßr sie nicht gßltige Fahrterlaubnis erteilt.
⢠Am 18. Juni 2019 kam es zu einer Sicherheitsabschaltung der ETCS-Streckenzentrale Innsbruck, nachdem in Kirchberg in Tirol mehrere Gßterwagen entgleist waren und u. a. ein Lichtwellenleiterkabel beschädigt hatten. Nachdem aufgrund von Wartungsarbeiten an der ETCS-Streckenzentrale Wien die Streckenzentrale Innsbruck zusätzlich deren Funktion mit ßbernommen hatte, war der ETCS-Betrieb auch im Raum Wien ebenfalls vorßbergehend gestÜrt. Während die ETCS-Streckenzentrale Wien umgehend wieder hochgefahren wurde und den Betrieb aufnehmen konnte, konnte die in Innsbruck erst nach dreieinhalb Stunden wieder schrittweise hochgefahren werden.cite-ref-e-2019-488-18-0[18]
⢠Im ersten Betriebsjahr der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm gab es fĂźnf Warmstarts des RBC. Infolge einer unzulässig groĂen Dämpfung an der ETCS-FahrzeugausrĂźstung eines Zuges kam es zu einem Funkabriss beim ETCS-Einstieg bei Wendlingen, infolgedessen eine Kette von Effekten zum Warmstart des RBC fĂźhrte. Infolgedessen wurden jeweils mehrere ZĂźge auf der Strecke angehalten. Die unnĂśtige Projektierung eines virtuellen Richtungsanzeigers wurde am 28. September 2023 entfernt, wodurch Warmstarts vermieden werden sollen.cite-ref-sd-115-07-16-19-0[19]cite-ref-ei-2024-02-53-20-0[20]
Die Zeitspanne zwischen fehlerbedingtem Warmstart eines RBC und der Wiederverfßgbarkeit der Anlage beträgt auf den Strecken des Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8 etwa 20 Minuten.cite-ref-21[21]
Sonstiges
Der Begriff RBC wird auch im Bereich von Communications-Based Train Control (CBTC) verwendet, das in Europa eher im städtischen Schienenverkehr verbreitet ist.cite-ref-22[22]
Literatur
⢠Michael Dieter Kunze: Infrastrukturseitiges Teilsystem. In: Jochen Trinckauf, Ulrich Maschek, Richard Kahl, Claudia Krahl (Hrsg.): ETCS in Deutschland. 1. Auflage. Eurailpress, Hamburg 2020, ISBN 978-3-96245-219-3, S. 77â82.
Einzelnachweise
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cite-note-ted-2022-021-052166-44. â Deutschland-Frankfurt am Main: Elektrische Signaleinrichtungen fĂźr den Eisenbahnverkehr. Dokument 2022/S 021-052166. In: Tenders Electronic Daily. 31. Januar 2022, abgerufen am 1. März 2022.
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cite-note-wolter-demnitz-2015-09-25-66. â Steffen Wolter, JĂśrg Demnitz: RBC-Simulationen im internationalen Vergleich. (ZIP mit mehreren PDF; 18,2 MB) Scheidt&Bachmann, 25. September 2015, S. 10, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂźgbar) am 7. März 2016; abgerufen am 7. März 2016 (Datei â08 Steffen Wolter und JĂśrg Demnitz.pdfâ).
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